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Gefühl, Witz, Turbulenz

In Westsachsen lockt der Broadway: Am Theater Plauen-Zwickau hatte das Musical "Sweet Charity" Premiere - mit Herzblut inszeniert und mit vielen Bravos gefeiert.

Die Band wendet dem Publikum den Rücken zu. Drei Videowände flimmern, was das Zeug hält. Man ist auf alles gefasst. Doch als es dann richtig losgeht, Freitagabend im Zwickauer Gewandhaus, zieht binnen kurzer Zeit Ruhe und Frieden ein. Die Musik schwenkt öfter um, die Videos werden sparsam eingesetzt, beherrschen keineswegs die Szene. "Sweet Charity", das Musical von Neil Simon (Buch), Cy Coleman (Musik) und Dorothy Fields (Liedtexte), hat am Theater Plauen-Zwickau alles, was das Herz begehrt: Gefühl, Witz, Turbulenz.

Es wird so zum einen ein illustrer Ausflug in die vergleichsweise heile Welt der 1960er-Jahre (nicht zuletzt dank der Freude machenden Kostüme von Hannelore Nennecke), zum anderen eine zeitlose Geschichte, zu deren Quellen letztlich sogar die deutsche Romantik zu zählen ist. Nicht umsonst legt Regisseur Frank Alva Buecheler einem der Helden das von Robert Schumann vertonte Heine-Gedicht "Wenn ich in deine Augen seh'" in den Mund.

Die Hauptfigur des 1966 uraufgeführten Stücks aber heißt Charity Hope Valentine. Ihre Namen sind Programm: Barmherzigkeit, Hoffnung, Liebe. Dass ausgerechnet ein New Yorker Animiermädchen diese Werte verkörpert und ihnen über alle Höhen und Tiefen der Handlung hinweg treu bleibt, macht zu großen Teilen den Reiz der Vorlage aus.

Mit Sandrine Guiraud, einst Ensemblemitglied in Westsachsen, ist die Rolle hervorragend besetzt. Guiraud weiß hinreißend zu swingen, hat Stimme und Temperament, vermag vor allem aber das Herzensgute und Naive der Figur glaubhaft zu verkörpern. Thomas Christ, der die drei Partner der Charity spielt, ist mit allen Musical-Wassern gewaschen und bringt selbst dann noch eine tüchtige Prise Show ins Geschehen, wenn er den verklemmten Oscar zu geben hat.

Frank Alva Buecheler nutzt darüber hinaus einfallsreich die Möglichkeiten eines Stadttheaters, das noch alles hat. Ihm gelingt es, die einzelnen Sparten zu einer Gemeinschaftsleistung zusammenzuführen, die einem zeitweise den Atem stocken lässt. Das Gezeigte mag in diesem und jenem Punkt nicht unbedingt Broadway-Qualitäten erreichen, muss es vielleicht auch nicht. In jedem Fall werden das hektische Leben der Großstadt, die Sehnsüchte der kleinen Leute, Sein und Schein, Abgründe und Verheißungen der modernen Welt auf packende Weise lebendig. Vor den wandlungsfähigen, immer für eine Überraschung guten Bühnenbildern von Robert Pflanz agieren Chor und Ballett mit Herzblut, erfüllen mit sichtlicher Freude auch manch ungewohnte Aufgabe, geben so jedem der Randpersonen - es mögen an die hundert sein - ein Gesicht.

Bei den tragenden Figuren bewähren sich Solisten wie Uta Simone (Ursala) und Martin Scheepers (Daddy Brubeck), aber auch die Choristen Manja Ilgen (Nickie), Iris Gerstenberg (Helene), Michael Simmen (Herman) und Hans-Wilhelm Wendt (Daddy's First Assistent) leisten Ansprechendes. Kapellmeister Tobias Engeli ist ein sicherer, wohltuend locker zur Sache gehender musikalischer Leiter. Die unter ihm musizierende, durch einige Spezialisten verstärkte Orchesterauswahl entfacht nach einer kurzen Aufwärmphase einen famosen Big-Band-Sound. Die Premiere wurde mit großem Beifall und vielen Bravos bedacht.

 (Freie Presse, 18.04.2011)



Kritik SWEET CHARITY
Frei Presse 20.09.2011
PDF-Download (672 kb)
 
Kritik SWEET CHARITY
Vogtland Anzeiger 19.09.2011
PDF-Download (372 kb)